Märchen

Alte Mystik – neuer Geist
Herzlich willkommen im Land der Märchen!

Seit ewigen Zeiten haben sich Menschen mit Geschichten, Mythen, Sagen und Märchen befasst. Ein kultureller Schatz, der immer wieder neu belebt und erlebbar werden möchte. Ein Fundus an unendlich viel kreativen Impulsen. In meinem neuen Buch sind neun ausgewählte Märchen in verschriftlichte Bilder gegossen und in besonderer Weise interpretiert. Märchen sind eine Quelle der Inspiration. Durch ihre phantasiereichen Bildnisse dienen sie Kindern und Erwachsenen gleichermaßen ihr Seelenleben besser zu verstehen, denn sie sprechen direkt das Unbewusste an. In den archetypischen Bildern und Symbolen erkennen wir, wie in einem weit weg gehaltenen Spiegel, was uns im Innersten zusammenhält oder auch auseinanderzureißen droht…………
Es gibt unzählige Interpretationsmöglichkeiten für Märchen. In diesem Buch sind einerseits bestehende Interpretationen herangezogen, andereseits haben sich neue Gedanken und Auslegungsmöglichkeiten entfaltet. Ebenso können verschiedene Interpretationsebenen in Betracht gezogen werden. Hier wurde die spirituelle Ebene gewähl.

Auf unserer Seelenreise aus den unendlichen Welten Gottes wieder zurück in diese Welten Gottes macht unserer Seele einen Reifungsprozess durch, der verschlüsselt in den Bildern und Handlungen der Märchen sichtbar wird.“ Das Kinderherz noch ganz offen für diese  Bildersprache  kann seine Seele davon nähren. Mein Anliegen ist die alten mystischen Weisheiten, welche über die Märchen und Geschichten transportiert werden mit neuem Geist zu füllen und zwar in ganz besonderer Weise mit  den Schriften der jüngsten Hochreligion, der Bahá’i-Religion.  Dabei sind mir der künstlerische Ausdruck und die ästhetische Form wichtig. In einfacher Form gebe ich Zusammenhänge wider, welche nicht nur eine theoretische Abhandlung darstellen, sondern denen ein persönlicher Prozess von Erfahrungen und Erlebnissen  zugrunde liegt.

Diese künstlerische Arbeit stellt ein Versuch dar uns stärker mit unserer geistigen Realität in Verbindung zu bringen. …..

Sterntaler

Ein Märchen der Gebrüder Grimm


Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld.
Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: “Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig.” Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: “Gott segne dir’s,” und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: “Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.” Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: “Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben,” und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.

Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Interpretation

Plädoyer an Großherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Altruismus

Wir hören hier von einem Mädchen, welches alles verloren hat; ihre Eltern, ihr Kämmerchen, ihr Bettchen und nur noch ein Stückchen Brot und die Kleider, die es am Leibe trägt, besitzt. Voll Vertrauen geht es ins Feld …. in die weite Welt. Großzügig, ohne zuerst an sich selbst zu denken reicht es dem alten Mann sein Brot; sogar mit einem Segen. Dann gibt es seine Mütze, sein Röcklein und zum Schluss sein letztes Hemdlein hin, voller Mitgefühl und Selbstlosigkeit für die Armen, die gar nichts haben. Diese Haltung der Opferbereitschaft und des Wohlwollens für Andere hat ihm sein guter Charakter beschert. Wir hören mehrmals die Aussage: “es war gut und fromm“. Losgelöst von allen egoistischen Bestrebungen, hat es die Kraft anderen zu helfen, durch die Reinheit seines Wesens.
Ist es nicht auffällig wie leicht und frei das Mädchen geben kann?
Sie gibt anscheinend wirklich gerne und von Herzen.

In diesem Märchen geht es um völliges Gottvertrauen, Hinwendung zu Gott und Loslösung. Letztendlich erhält es durch diese Einstellung die Gnadengaben des Himmels. Wie Geschenke regnen diese auf es herab.

Auch Sterntaler wurde, wie wir zu Beginn des Märchens hören, beschenkt. Ein mitleidiges Herz schenkte ihm ein Stückchen Brot. Diese Liebe, dieses Mitgefühl, hat es angenommen und vermehrt. Es ist ein Nehmen und Geben. Sterntaler (1) ist im Fluss des Lebens. Diese Haltung verhilft ihm den Segen des Himmels im Überfluss zu erlangen.

Dieses kurze Märchen ist voller Symbolik und Lebensweisheiten, aus denen wir Nutzen für unser Leben ziehen können. Ein nicht zu verachtender Aspekt ist auch die Ermutigung: Kraft aufzubringen; um alte Vorstellungen, Gewohnheiten, Verhaltensweisen loszulassen; im Vertrauen, dass der Himmel uns mit reicheren Gnadengaben beschenkt, welche wir uns vielleicht noch gar nicht vorstellen können. (2)
Losgelöst von allen egoistischen Bestrebungen und selbstlos ist unser Herz so frei, dass es alle göttlichen Gnadengaben, die unablässig regnen, empfangen kann. Für mich gehört das Gebet als größter Helfer auf dem Weg der Loslösung und inneren Freiheit unerlässlich dazu.

Kalligrafie

(1) Sterntaler  (Sterntaler ist in der Kalligrafie durch einen Gebetstext gestaltet, denn ihr Vertrauen und ihre Hinwendung zu Gott bestimmen ihr Handeln.)

(2) Schmetterlinge

Attribute wie: Hoffnung, Vergebung, Vertrauen, Güte, Gnade, Glaube, Mut, Kraft, Stärke, Macht, Ruhm, Zuversicht, Liebe, Freude, Glanz, Mitleid, Geduld, Schönheit, Ehre, Einheit, Loslösung, Schutz, Erbarmen.

(In der Kalligrafie sind diese Gnadengaben als Schmetterlinge ausgedrückt, denn sie haben keine Erdschwere, sie sind geistig und erheben uns, bringen Leichtigkeit in unser Leben.)